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21.11.-12.12.2010 Karen Bayer, Oliver Wetterauer"Harmagedon et Exsolutio"Die Künstler Oliver Wetterauer (geb. 1970) und Karen Bayer (geb. 1971)
haben gemeinsam an der Kunstakademie Stuttgart studiert und bereits einige
Ausstellungen als Tandem gestaltet. In ihrer neuen Ausstellung HARMAGEDON ET EXSOLUTIO in der
Wendelinskapelle greifen sie die ehemals sakrale Funktion des Raumes auf.
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Markus Lörwald
Sie lebten vom Morgenrot
Und säten Finsternis
Sie lebten von der Idee
Und trennten sich von den Menschen
Sie lebten vom Traum
Und die Lüge war ihr täglich Brot."




Immanuel Preuss, „Tod und Mädchen, Bilder über Liebe, Leben und Tod", Installationen im Steinhaus in Merklingen. Der Künstler mit seinen diskreten Bildwerken, die selten dominant auftreten, spielt mit dem großartigsten Material, dem Licht. Er sieht seine Objekte stets in räumlichen Zusammenhängen und der Betrachter wird zum Schatzsucher. Der wird aufmerksam für die Schönheit des historischen Gemäuers und darüber hinaus bekannt gemacht mit einer Geschichte, die der Künstler erzählt. Es geht um Geschichten, die wir eigentlich kennen. Es geht um erotische Liebe - es ist Erdbeerzeit!
„Ich denke, es wird schon nötig sein, dass der Besucher hier gründlich Sinn und Sinnlichkeit der Formen und Materialien in sich aufnimmt und wirken lässt, will er die Dinge verstehen." Bei diesen einführenden Worten Michael Geisslers fanden sich die Vernissagegäste bestätigt, die noch nicht das 2. Obergeschoss des Steinhauses in Merklingen erklommen hatten. Die Sinnlichkeit der Installation dieser 3. Etage ist so überwältigend, dass sich eine Sensibilität auch für zunächst verschlüsselt gebliebene Raumobjekte einstellt. Das Triptychon im dunklen Erdgeschoss wird nun zum mystischen Licht-Erlebnis, die Objektreihe darüber zur tragischen Liebesgeschichte.
„...was waer diu welt
en waeren wip so schoene?
durch sie wirt so viel suezekeit
ir wunne sanc uz herzen treit!"
Minnesang klingt durchs mittelalterliche Gemäuer - der Federchor der Manufaktur führte die Zuhörer am zweiten Sonntag in weite Vergangenheit und zugleich zur Kunst der Gegenwart, ins Thema der Ausstellung im Steinhaus. Das daran anschließende Künstlergespräch zwischen Helmut John und Immanuel Preuss spannte feine Verständnisbrücken zu den für manchen ungewohnten irritierend-faszinierenden Installationen. „Ich wollte mit den Räumen arbeiten, mit der Wand, den Fensterlaibungen und dem wenigen, kostbaren Licht" erläuterte der Künstler seine sparsame Vorgehensweise und dann die diskrete Ausstellungsintention: „Kunst enthält immer ein Geheimnis. Dinge, die geheimnisvoll sind, müssen auch geheimnisvoll dargestellt werden. Ein großer Christus und große Engel bei der Installation im Erdgeschoss wären unglaubwürdig. Der Besucher muss sie suchen!" Kunstkonsum ist für Preuss generell nicht zeitgemäß: „Der Besucher muss mitarbeiten, muss Positionen finden und einnehmen." Im Erdgeschoss gehe es um das Licht und die Frage, warum der Christus liegt. Im 1. Geschoss können Perspektiven erkannt, Bezüge hergestellt und das Thema durch die Auswahl der Materialien und das Geflecht der Beziehungen wahrgenommen werden. Auf der letzten Etage dann die sinnliche Erlösung! Die Erdbeeren haben im Lauf der Zeit ihre vitale Kraft natürlich eingebüßt, sie werden zur Finissage am 18.7. abgeerntet - und übrig bleibt ein süßes „Leichentuch".
Einladungskarte als pdf (zum Scrollen)
‚Kunst am Bau' an der Musikhochschule Stuttgart. Immanuel Preuss hatte diesen illustren Künstlerwettbewerb 2002 gewonnen, seine vierteilige Arbeit im weltbekannten Stirling-Areal muss man aber erst finden. Die beiden antiken Springer waren von Preuss dort zunächst auch in Elfenbein gedacht (so wie wir einen im Steinhaus sahen) und reagieren zum Turm und zur Institution Hochschule auf vielfältige Weise.




Die Wendelinskapelle voller Figuren, Objekte, Bilder. Zur Ausstellungseröffnung war sie zusätzlich mehr als gefüllt mit festlichen Besuchern. Die staunten über eine Tanz- und Klang-Performance von Johanna Stubenbrock und Holger Daub aus Hamburg mit einer Figurine von Martin Radt. Und sie überdachten die einführenden Worte Professor Volker Lehnerts. Der zitierte „Über das Marionettentheater" des Heinrich von Kleist: „Diese Figuren und Gefährte verweisen womöglich auf ganz frühe Faszinationen beweglicher Spielzeuge, auf Hampelmänner, Marionetten, chinesische Nachtigallen und Stabpuppen, auf Aufziehbares, Rollendes und Kreisendes, all die wunderbaren Artefakte, die nicht zuletzt der technischen Phantasie Nahrung geben. Und sie verweisen auf das staunende, kindliche Glück. Man könnte sie begreifen als Teil eines Spiels. Sie präsentieren sich, geben gewissermaßen eine Vorstellung und führen dabei vor, was sie können. Solches Spielzeug kommt aus einem Paradies, das verschlossen hinter uns Erwachsenen liegt, und wir müssen den Weg durch die ganze Welt antreten, um von hinten vielleicht wieder hinein zu gelangen."
Die Ausstellung zeigt mehrere Werkgruppen des Künstlers. Eine „besteht aus Objekten, körperhaften Formen, die auf dem Boden liegend oder an der Wand hängend (bzw. im Raum schwebend) wie wertvolle Fundstücke uns gerade deshalb faszinieren und anrühren, weil sie ihr Geheimnis zu hüten wissen. Wir erinnern uns an Wunderkammern, diese einstmaligen Ansammlungen natürlicher sowie künstlicher Objekte, schön, weil kostbar oder banal fremdartig und unverstanden, die Phantasie anregend, weil Geschichten erzählend oder - funktionslos geworden - Träume und Ahnungen bindend." (Prof. Volker Lehnert)

Landschaften,
Fußballplätze, nachts, menschenleer; oder Stadtflair und Szenen am Beach - das
sind die Themen von Martin Wolf Wagner. Seine
Werke werden in New York, Cannes, Madrid und Sydney gezeigt, die Motive aber
findet er in Orten wie Sindelfingen, Schafhausen oder Grafenau-Dätzingen, wo er
aufgewachsen ist (Abitur 1985 am Johannes-Kepler-Gymnasium in Weil der Stadt)
und auch heute noch lebt. Mit teilweise mehrstündigen
Belichtungszeiten, verschiedenen Kamera- und Filmtypen erreicht Wagner
eine ganz neue Sicht auf gewöhnliche Orte. Durch ihre strenge Inszenierung und
Leere erhalten seine Bilder einen meditativen Charakter (www.martinwolfwagner.com).
Die Ausstellung wurde in der
Wendelinskapelle mit Saxophonklängen von „Sandi" Kuhn (www.alexanderkuhn.com) eröffnet, Helmut John (Mitte rechts - Wagners einstmaliger Kunstlehrer am JKG) begrüßte eine große Kunstgemeinde, die Einführung gab der Kulturjournalist und Vorsitzende des Böblinger Kunstvereins Ralf Recklies (Mitte links).
Zeitgleich zur Ausstellung in der Wendelinskapelle präsentierte Martin Wolf Wagner die Arbeit 'NIGHTSCAPE, GOLD II' in der Jakobskirche in Weil der Stadt-Münklingen. In dieser sakralen Umgebung verspürte man diese eigentümliche Spiritualität verstärkt, die eigentlich allen Arbeiten Wagners latent innewohnt.



Ralf Recklies nannte in seiner Vernissagerede den Künstler, der von Getty Images im Showcase 2007 immerhin zu den 35 innovativsten und weltbesten Fotografen gekürt wurde, augenzwinkernd einen Heimatfotografen: "Wagner ist ... nicht in die Ferne gezogen um effekthascherisch das Exotische auf Film zu bannen, sondern er hat in seinem persönlichen Umfeld nach Motiven gesucht. Und er hat diese auch gefunden. Dorf-Fußballplätze, kleine, temporäre Lebensräume. Orte, die an vielen Tagen im Jahr nicht nur zur sportlichen Ertüchtigung dienen, sondern die auch Orte der Kommunikation sind. Aber, und dies ist nun das Besondere an den Fotografien, Wagner entreißt die Abbildungen als Lichtfänger genau diesem Kontext. Er macht aus den oft lauten und lebendigen Orten des Volkssportes „magisch anmutende" Plätze!"
Und
Recklies sprach vom meisterlichen Handwerker und Künstler: „...woher nehmen sie (die nächtlichen
Langzeitbelichtungen) ihre satten Farben, die uns nun betören, berauschen und
bisweilen gefangen nehmen? Bei den Aufnahmen der Fußballplätze ist dies - wie
man nicht selten auch an den mit abgebildeten Lichtmasten erkennen kann -
leicht zu erklären. Des Rätsels Lösung: Flutlicht. Wagner hat die Fußballplätze
zu nachtschlafender Zeit beleuchten lassen, um eine Bildidee zu realisieren,
deren Hintergrund sich am einfachsten mit einem berühmten Zitat von Paul Klee
beschreiben lässt: ‚Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht
sichtbar.'
Hier sind wir nun beim Fotokünstler Martin Wolf Wagner angekommen, denn Wagner
bildet nicht - wie die Mehrzahl der Lichtbildner - einfach ab. Er kreiert
Neues, so noch nicht Gesehenes. Er macht sichtbar, was dem menschlichen Auge
verborgen bleibt. Die Kraft des Lichtes - und dies in einem wunderbaren
Zusammenspiel mit der Kraft der Formen, die der Fotograf mit dem vorhandenen
Licht ‚einfängt'. Wagner wird zum Lichtbildner, zum Lichtmaler, der erkannt
hat, dass Fotografie mehr ist, als nur das Festhalten von Augenblicken..."

Martin Wolf Wagner begrüßte am 16.3. in der Wendelinskapelle einen Grundkurs Kunst des Weil der Städter Gymnasiums. Die 13-Klässler erfuhren einiges über fotografische Technik, Bildgestaltung, aber auch Interessantes vom Kunstmarkt und vor allem über den künstlerischen Werdegang des ehemaligen Johannes-Kepler-Gymnasiasten. Nach dem Abitur 1985 begann für ihn eine harte Fotografenlehre. Den Zwängen des Handwerks konnte er sich teilweise entziehen, indem er sich selbständig machte und auch eigene Sachen versuchte. Eigene Ideen, eine besondere Bildsprache, auf die er durch viel Ausprobieren und Experimentieren gekommen war, gaben schließlich den Ausschlag für den beruflichen Erfolg. Gute Galerien sind auf der Suche nach einem „Alleinstellungsmerkmal" von Künstlern, von denen sie dann zwar viel fordern, die sie aber auch fördern können. Internationaler Erfolg ist schön, aber kurzlebig. Er darf nicht verleiten, stehen zu bleiben. Und Krisen gehören zum Leben - Wagners Fazit an die Schüler gewandt: Nie aufgeben!